Heimat-Ministerium kann uns keine Heimat geben

Das Heimat-Ministerium kann uns keine Heimat geben – wir müssen sie selbst aktiv bewahren!

ein Gastbeitrag von Olaf Lorke

Der Begriff „Heimat“ hat mal wieder Konjunktur. Wahrscheinlich kein anderes Volk der Welt tut sich damit so schwer wie die Deutschen. Dass dieses Wort extrem belastet ist, hängt mit der nicht bewältigten Vergangenheit, mit den Nationalsozialisten und wohl auch mit der langen Teilung des Landes zusammen. Jede Generation von Deutschen beschäftigt sich immer wieder nachhaltig und intensiv mit dem Thema. „Es treibt sie um, das beständige Sehnen nach Orten der Kindheit, Orten der Geborgenheit, der glücklichen Erinnerung, der einfachen, klaren Verhältnisse … Dieses tiefe Bedürfnis nach Heimat ist etwas Urdeutsches“.[1]

Zwischen Deutschtümelei und Weltoffenheit

Die Sehnsucht der Menschen nach geordneten Verhältnissen, nach Geborgenheit und Verwurzelung ist nicht zu leugnen. Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion vor allem dadurch, dass das Innenministerium zukünftig das Wort „Heimat“ in der Bezeichnung trägt, geführt von Horst Seehofer.

„Heimat“ als Teil der Bezeichnung des Innenministeriums richtet sich natürlich offiziell auf ganz bestimmte Schwerpunkte: Stärkung der Regionen, der ländlichen Bereiche, Kampf gegen Landflucht, Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse usw. Alles hehre Ziele. So kann man davon ausgehen, dass es der CSU vor allem darum geht, mit der Annektierung des Heimat-Begriffs der Konkurrenz aus der bayrischen AfD einen Teil ihres Bodens zu entziehen. Schließlich sind im Herbst Landtagswahlen in Bayern.

Auch die Grünen versuchen hier ihre Sichtweise einzubringen. Wenn allerdings eine Katrin Göring-Eckardt sagt „Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht“[2], will sie damit sagen, dass Heimat universell sei. Sozusagen sei Heimat auch das, was andere gerade daraus machen. Dieses Wort steht für sie für Ausgrenzung und Spaltung. In Wirklichkeit brauchen die Grünen den Begriff „Heimat“ natürlich nicht.

Ähnlich sieht es bei den Linken aus. Auch dort möchte man die Deutungshoheit nicht aus der Hand geben. Der Landesgeschäftsführer der Berliner Linkspartei, Sebastian Koch, befürchtet, dass durch den Begriff „Heimat“ die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Globalisierung und Internationalität gefährdet werden könnte. Man müsse sich zwischen „Deutschtümelei und Weltoffenheit“ entscheiden.[3]

Und was macht die AfD? Nun, hier ist die Gratwanderung bei der Verwendung des Heimatbegriffs deutlich sichtbar. Wenn Andre Poggenburg beim politischen Aschermittwoch die Türkische Gemeinde wegen ihrer Kritik am Heimatministerium angreift, könnte man das zunächst durchgehen lassen. Was geht die Türken das an? Poggenburg vollzieht dann den Gegenangriff und erinnert die Türken an ihren Völkermord an den Armeniern. Dann verfällt er in die gewohnten Entgleisungen: „Die Kameltreiber sollen sich da hin scheren, wo sie hingehören.“[4] Mit dieser Polemik wird der Begriff „Heimat“ tatsächlich missbraucht. Patriotismus ist etwas Edles, aber auf diese Art gewiss nicht. Immerhin hat die AfD wenigstens in diesem Fall Konsequenzen gezogen und Poggenburg in die Wüste geschickt, wenn auch vermutlich nur aus kosmetischen Gründen.

Widerspruch zwischen sozialistischer Heimat und deutscher Nation

Jeder Mensch kann irgendetwas über seine Heimat berichten. Man kann auch der „SZ“ recht geben, wenn sie schreibt Heimat ist „erzählte Herkunft“.[5]

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Würde ich heute diesen Staat, dieses System, als meine Heimat bezeichnen? Nun, ich denke, in direkter Verknüpfung wohl nicht. Natürlich haben wir unseren Ort, unser Umfeld und unsere Bräuche geliebt. Zum System haben wir größtenteils aber Distanz gewahrt. In diesem Staat gab es auch einen eigenartigen Widerspruch zwischen den Begriffen „sozialistische Heimat“ und „deutsche Nation“. Das hätten auch unsere damaligen Lehrer wohl nicht plausibel erklären können. Der tiefere Sinn darin hat sich uns damals ohnehin nicht erschlossen.

Die DDR-Oberen versuchten krampfhaft, ein DDR-Heimatgefühl zu erzeugen. Die SED hat später gemerkt, dass kleine lokale Strukturen wie betriebliche Brigaden, Jugendorganisationen oder örtliche Vereine auch so eine Art Heimat- und Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln können. Trotz allem: wir lebten sozusagen in einer Schicksalsgemeinschaft, es gab ein „Wir-Gefühl des gemeinsamen Ausgeliefertseins einem System gegenüber, das ja wirklich nur wenige ehrlichen Herzens bejaht haben.“[6]

Heute scheint es uns ähnlich zu gehen. Wir leben auch in einer Art Schicksalsgemeinschaft und warten auf irgendetwas. Wir fürchten, unsere Heimat, unsere Identifikationsbasis zu verlieren.

Heimat ist dort, wo man Freunde hat und sich wohlfühlt

Für mich ist der Begriff „Heimat“ etwas Wertvolles. Auch meine Großeltern haben das Wort sehr bewusst benutzt: Sie waren Bessarabien-Deutsche, wurden im Herbst 1940 umgesiedelt. Nach längeren Zwischenaufenthalten wurden sie im besetzten Polen angesiedelt, viele wollten das SO nicht. Ich weiß noch, wie meine Großmutter immer von der „alten Heimat“ Bessarabien sprach. Sie waren aber nach der Umsiedlung auch bereit, in der neuen Umgebung eine neue Heimat zu sehen. Nur wenige Jahre später mussten sie dann auch flüchten, um sich zum dritten Mal ein neues Zuhause aufzubauen.

Ja, die alte Generation schätzte noch, was Heimat bedeutet. Bei den Jungen ist das heute etwas anders. Heimat ist dort, wo man seine Freunde hat und wo man sich wohl fühlt, fertig.

Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, wie leichtfertig heute die Heimat „weggeworfen“ wird. Aber „Heimat“ wird wieder aktuell. Ich stelle fest, dass in der heutigen Zeit die Sehnsucht nach Identität, Geborgenheit, Überschaubarkeit und Unverwechselbarkeit so groß ist wie vermutlich selten zuvor. Woran liegt das?

Den Menschen scheint alles rastlos und fließend, die Globalisierung ist für die meisten nicht greifbar. Die Sehnsucht, sich in dieser Situation seine kleine Welt zu bewahren, ist groß. Darüber hinaus stellen sich – insbesondere reiferen Menschen – die Fragen nach ihrer Herkunft, ihrer Identität und ganz pauschal nach dem Sinn ihres Lebens. „Heimat, der Wunsch nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Einordnung….ist ein universelles Bedürfnis, tief und erdig. Kaum jemand kann sich dem entziehen.“

Der Traum von Europa der vielen Europäern fehlt

Und Europa? Steht die Idee Europas dem ursprünglichen Heimatbegriff entgegen? Aber was ist eigentlich die europäische Idee? Ist es ein Verbund souveräner, selbstständiger Nationalstaaten, wie es einst Charles de Gaulle propagierte? Oder soll Europa ein Konglomerat werden, in dem die Nationalstaaten ihre Bedeutung verlieren. Sollen tatsächlich die Nationen überwunden werden? Ich persönlich glaube nicht, dass das der Wunsch der meisten Bürger ist.

„Ob in Großbritannien oder Katalonien, überall in Europa geht in den erstarkenden Nationalismus und Separatismus die Suche der Menschen nach dem ein, was sie Heimat nennen, umhegen und abgrenzen können. Das gefährdet die europäische Idee. Im Wettstreit mit den Separatismen ist die EU im Nachteil: Heimat kann gegen sie in Stellung gebracht werden, weil es ihr an Heimatgefühl mangelt. Europa ist nie zu einer Heimat geworden, es fehlt das passende Narrativ. Wer würde schon auf die Frage ´Wo bist du daheim?` die Antwort „Europa“ geben?“

Müssen wir nicht genauer hinschauen, wo Nationalismus anfängt und wo er aufhört? Sollten wir nicht aufmerksamer auf die Unabhängigkeitsbewegungen wie z.B. in Katalonien reagieren? Es heißt, Nationalismus lässt Solidarität schwinden. Aber wodurch wurde erst dieser vermeintliche Nationalismus erzeugt?

Es gibt da viele Gründe. Empfundene Benachteiligung einzelner Regionen wäre da zu nennen. Ich glaube aber auch, dass die heutigen Migrationsbewegungen eine wichtige Rolle spielen. „Eine Idee von Europa als Heimat, so scheint es, haben am ehesten jene, die gar nicht von hier kommen: Flüchtlinge, die sich Schleppern ausliefern, die gefährliche Reise übers Mittelmeer auf sich nehmen oder auf anderen Wegen eine neue Heimat suchen. Sie träumen über all die Kilometer von einem Sehnsuchtsort, der gar kein Ort ist: Europa…, die Vision, die vielen Europäern heute fehlt“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Doch, eines: wenn wir unseren Kindern von der Heimat erzählen, sollte sie noch existieren, irgendwie …

Dafür setze ich mich ein, zusammen mit meinen Freunden bei der LKR – Die Eurokritiker!

[1] Verena Schmitt-Roschmann: „Heimat: Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“, Gütersloh, 2010

[2] in: Johannes Schneider: „Heimat, Hilfe es heimatet sehr“, Zeit online, 09.10.2017

[3] Tweet von Sebastian Koch vom 08.02.2018

[4] Rede von Andre Poggenburg auf dem politischen Aschermittwoch in Nentmannsdorf, 14.02.1018

[5] Karin Janker: „Kann Europa jemals Heimat sein?“, Süddeutsche Zeitung

[6] Interview mit dem ehemaligen Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, in 1

2018-05-09T00:09:26+00:0020.03.2018|
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