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Der Regionsvorstand  Schwarzwald-Bodensee berichtet:

Die Pflegekatastrophe in Deutschland darf nicht länger nur verwaltet werden – es bedarf sofort einer Neu-Orientierung in der Pflege!!!                                

 

5.11.2018: Aktuell leben in Deutschland ca. 3 Millionen pflegebedürftige Menschen, wobei annähernd drei Viertel von ihnen zu Hause von Angehörigen gepflegt werden, die dafür häufig ihre eigene wirtschaftliche Existenz und Gesundheit aufs Spiel setzen. Aktuellen Schätzungen zu Folge beträgt der wirtschaftliche Wert der unbezahlten Angehörigenarbeit rund 37 Milliarden EURO jährlich, d. h. deutlich mehr als das gesamte Einnahmevolumen der Pflegeversicherung (Stand 2016).

Die Zahl der Pflegebedürftigen hat zwischen Dezember 2013 und Dezember 2015 um fast 9 % zugenommen. Laut Schätzungen des Demographie-Portals des Bundes und der Länder könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2060 auf 4,8 Millionen steigen. Damit wären rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerung pflegebedürftig, ein doppelt so hoher Anteil wie heute.

1995 wurde die Pflegeversicherung eingeführt und – wie allseits bekannt – wurde dieses Gesetz seit mehr als 25 Jahren mehrfach aber leider geringfügig und immer nur halbherzig geändert. Mittlerweile, und das ist auch schon seit vielen Jahren bekannt, steuern wir in einen höchst dramatischen Pflegenotstand und dennoch wird weiter nur „klein, klein“ am System herumgebastelt.
Der Gesundheitsminister, Herr Spahn, versucht derzeit, in den Pflegeheimen die Situation zu verbessern, indem der Personalschlüssel mehr Pflegekräfte ausweisen und das Pflegepersonal auch besser bezahlt werden soll (= Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe – ist längst überfällig). Dies ist jedoch bekanntermaßen nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“, quasi eine Alibi-Aktion.

Auch der bekannteste Pflegekritiker, Herr Claus Fussek, der über 30 Jahre die Missstände in der Pflegebranche aufgedeckt und gegen das bestehende Pflegesystem gekämpft hat, ist der Meinung, dass alles gesagt ist. Er geht deshalb auch nicht mehr in Talksendungen und vertritt die Auffassung, dass nun endlich gehandelt werden muss. Sein Aufruf „Wehrt Euch endlich!“

Stationäre Pflege in den Pflegeheimen:
Die stationäre Pflege scheint in Deutschland inzwischen ein risikoloses und profitables Geschäft für Investoren und manche Betreiber von Pflegeheimen zu sein. Wie wäre es sonst zu erklären, dass sich auch ausländische Investoren verstärkt in diesem Bereich in Deutschland engagieren. Leider nicht immer zum Wohle der Betroffenen. Wenn in manchen Heimen zeitweise 2 Pflegekräfte für 80 Menschen zuständig sind, kann sich jeder vorstellen, was das für die Betroffenen und die Pflegekräfte bedeutet. Trotz diverser Berichte über Missstände wird nicht gehandelt. Im Gegenteil. Leider erfolgt die Bewertung der Heime (z.B. durch den MDK) vorwiegend anhand von formalen Kriterien. So können selbst die schlechtesten Heime eine gute Bewertung erlangen. Unseriöse Heimbetreiber oder auch unseriöse Pflegedienste werden deshalb auch nur selten öffentlich kritisiert. Nur in sehr seltenen Fällen müssen diese „schwarzen Schafe“ mit Sanktionen rechnen. Dadurch ist es offensichtlich möglich, den Pflegekassen großen materiellen Schaden zuzufügen, ohne dass deutlich gegengesteuert wird. Es müssen endlich klare Qualitätskriterien entwickelt und durchgesetzt werden, die eine deutliche Verbesserung für die Betroffenen bewirken und nicht nur dazu dienen, schöne Berichte zu erstellen.

Bei durchschnittlichen Kosten für einen stationären Pflegeplatz von 4.000 Euro (aufwärts) müssen nach Abzug der Leistungen aus der Pflegekasse oftmals mehr als 2.000 Euro an Eigenleistungen durch die Betroffenen und ihre Familien erbracht werden. Das können sich viele Familien finanziell gar nicht leisten.

Ambulante Pflege durch Angehörige:
Kurz umrissen – „Die Pflege von Angehörigen macht arm!“
Mehr als 75 % aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden durch die Familie gepflegt.
Und dabei ist die Pflege eines Angehörigen oft mehr als ein Vollzeitjob (durchschnittlich 63 Stunden in der Woche). Daneben übernehmen nur 10 % der Arbeiten die professionellen Pflegedienste.
An die Pflegebedürftigen, die zuhause liebevoll und mit viel Engagement (vielfach im Spagat neben Beruf und eigener Familie) gepflegt werden, wurde seitens der Bundesregierung noch gar nicht gedacht, obwohl sich gerade dort mittlerweile dramatische Situationen abspielen (kein Pflegeplatz, nicht mal ein Kurzzeitpflegeplatz z. B. für einen Pflegebedürftigen, der plötzlich einen Schlaganfall erlitten hat; es muss folglich die Pflegesituation irgendwie zuhause gemeistert werden).
Wie in Deutschland leider vielfach besteht auch im Pflegebereich ein riesiges Bürokratiemonster, das viel Geld verbraucht, was viel sinnvoller für die Pflegebedürftigen eingesetzt werden könnte und darüber hinaus die damit betrauten Angehörigen des Pflegebedürftigen fast in den Wahnsinn treibt.

Eine Vollzeitpflege kann mittels der in Deutschland agierenden Pflegedienste nicht erbracht werden, da diese Leistungen nicht bezahlbar sind. Es hat sich deshalb daneben ein grauer Markt an ausländischen Haushaltshilfe-Diensten (Polen, Ungarn, Rumänen, Bulgaren usw.) entwickelt, die vielfach schwarzarbeiten. Damit nimmt der deutsche Staat sehenden Auges billigend in Kauf, dass Pflegebedürftige und deren Angehörige bedingt durch den gravierenden Pflegenotstand in die Kriminalität getrieben werden.

Unser System ist beitragsfinanziert und nicht steuerfinanziert:
Die Initiative „Armut durch Pflege“ fordert deshalb eine radikale Änderung der Finanzierung der Pflegeleistungen. Denn wer seine Angehörigen zuhause betreue und pflege, entlaste den Staat um Milliarden. Das Dankeschön des Staates dafür seien dann Hartz vier und kleine Renten. Dies stellt eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dar. Deshalb muss so bald als möglich die familiäre Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anerkannt und auch finanziert werden, da die bisherige Pflegeversicherung hierfür nicht ausreicht.

In den skandinavischen Ländern wird die Pflege mit 4 % des Bruttoinlandsprodukts finanziert, in Deutschland dagegen nur mit 1 %. In den nordischen Ländern können die dort Pflegebedürftigen angemessen und würdevoll gepflegt werden, wobei der alte Mensch dort auch noch eine andere Wertschätzung erfährt. In Deutschland ist all dies leider nicht der Fall, obwohl wir derzeit Rekord-Steuereinnahmen haben. Es würde auch Deutschland als einem der reichsten Länder in Europa gut anstehen, wenn es das Pflegesystem finanziell so ausstatten würde, dass u. a. die Kriegsgeneration, die unter großen Entbehrungen dieses Land aufgebaut hat, menschenwürdig gepflegt werden könnte.

Momentan betrifft die Pflegekatastrophe i. d. R. noch unsere Elterngeneration und in diesem Zusammenhang können auch betroffene Angehörige das „Versagen des Staates“ in diesem Bereich seit vielen Jahrzehnten hautnah miterleben. Noch schlimmer wird sich der Pflegenotstand bei der Generation der „Baby-Boomer“ zeigen, wenn nicht endlich zügig und effizient gegengesteuert wird.